Das RUDDA-Märchen Kapitel 1 (1850 - 1972)
Firmengründer: Dipl. Ing. Karl Rudda
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1892 - 1900

Es war einmal in der guten alten Kaiserzeit, vor über 130 Jahren, als mein Urgroßvater Franz Rudda (geboren 1854 und gestorben 1915), Förster und Gutsverwalter des Grafen Waldstein auf Schloss Mittergrabern bei Hollabrunn war. Bei seiner Tätigkeit im Forst und auch zur Jagd im Wald nahm er oft seinen jüngsten Sohn (meinen Großvater Dipl. Ing. Karl Rudda, geb. 1889, im Bild mittig stehend) mit.

So lernte mein Großvater die Liebe zum Wald, zu den Waldtieren und dabei auch die vielen heimischen Baumsorten kennen. Gemeinsam mit den Mägden und Knechten des Gutshofes half er diesen bei der Ernte aber auch im Obstgarten des Schlosses. Speziell wenn für die üppige Bewirtung der Geistlichkeit der Umgebung zur jährlich stattfindenden Pfarrertafel viel Arbeit anstand. Leckeres wie Schnecken, Wildbret und sogar gerollter Baumkuchen wurden diesen mit guten Weinen dabei aufgetischt.

Als eines Tages der 5-jährige Karl beim Spielen in die Jauchegrube fiel und dabei fast in der Brühe zu ertrinken drohte, zog ihn ein Knecht mit der Mistgabel durch das von der Luft aufgeblähte Hemd noch rechtzeitig heraus. Er hörte damals, wie er sich noch erinnern konnte, ein „Säuslein“ wie wenn schon die Engeln singen.

1889

Da er als Kind noch nicht reiten konnte, bekam er ein kleines Kutschenwagerl mit zwei Ziegen mit dem er selbstständig durch die Landschaft fahren konnte. Später erhielt er sogar ein Hochrad, auf dem er mit Stolz vor seinen Schulkollegen durch den Heimatort Mittergrabern bei Hollabrunn fuhr.

1900

Als man den Benzin noch in der Apotheke kaufen musste...

Um die Jahrhundertwende 1900, als sich der Graf für die damalige Zeit das erste Auto in der Gegend kaufte, durfte mein Großvater, als Verwaltersohn (welch Freude und Stolz für einen jungen Buben) öfters auch mit diesem Auto mitfahren. Als bei einem dieser Ausflüge dem Auto das Benzin ausging, mussten sie ein Pferdefuhrwerk aufhalten, um sie in die entfernte nächste Stadt Hollabrunn zu bringen, um in der Apotheke Benzin zu kaufen, da es zu dieser Zeit ja noch keine Tankstellen gab.

1905

Nach dem erfolgreichen Studium in Elektrotechnik und Maschinenbau an der technischen Hochschule in Wien, wurde mein Ur-Großvater Offizier in der kaiserlichen K.u.K. Armee und machte damals zusätzlich noch das einjährige, freiwillige Militärdienstjahr beim Eisenbahn- und Telegrafenregiment in Korneuburg, das er später als Offizier abschloss. So wurde er mit fescher Uniform zum Liebling aller Damen.

1914

Im ersten Weltkrieg, inzwischen bereits Oberleutnant, hatte mein Großvater die Aufgabe mit einer ihm unterstellten Kompagnie Soldaten mit einem Funkmast hinter der Front feindliche Morsesprüche abzuhören. Bei dieser Tätigkeit quartierte er seine Mannschaft auch immer wieder gegen Bezahlung bei örtlichen Bauern in deren Bauernhöfe ein. Dabei gab er als Nichtraucher seine Ration Tabak den Bauern und oft den herumlaufenden Bauernkindern seine Schokolade. Dies geschah auch in einem kleinen, weißrussischen Ort namens Gorodischte. Die wahre Bedeutung dieser Begebenheit wird sich drei Jahrzehnte später zeigen.

1915

Ausgezeichnet durch den deutschen Kaiser

Mit seinem Telegrafenregiment war mein Großvater hinter der Kriegsfront in Russland eingesetzt, um feindliche Funksprüche aufzufangen. Als der Feind wieder mal seinen Code geändert hatte, schlug er sich mit einem zweiten Offizier durch die russischen Linien, um den Code entschlüsseln zu können. Als er das Ergebnis, dass die Russen einen Angriff planen, zwei Mal dechiffriert hatte, den für das deutsche Oberkommando zuständigen General Sägt meldete, ließ dieser ob der Wichtigkeit der Information Oberleutnant Rudda sofort zu sich kommen. „Stimmt dies“, fragte der General meinen Großvater. „Jawohl, das ist richtig“, antwortete er. „Wenn’s nicht stimmt, kostet es Ihnen den Kopf“ meinte der General. Daraufhin wurden die Streitkräfte umgruppiert und dadurch viele Russen gefangen genommen. Durch diese heroische Tat bewies mein Großvater Tapferkeit und wurde neben vielen hohen Auszeichnungen u.a. der Tapferkeitsmedaillie erster Klasse ausgezeichnet.

1918

Als 1918, nach Beendigung des 1. Weltkrieges, mein Großvater nach Znaim zurückkam, wollte er mit weiteren österreichischen Offizieren gegen die Abtrennung der deutschsprachigen Sudetengebiete Widerstand leisten. Die alliierten Siegermächte jedoch schlugen diese Gebiete zum tschechischen Hoheitsgebiet hinzu und die Bevölkerung wurde aufgefordert ihre alte Heimat umgehend zu verlassen. So musste mein Großvater die erst vor wenigen Jahren gebaute, schöne Villa notverkaufen.

Plötzlich heimatlos

Mit zwei Pferdewagen mit Möbel und Hausrat und seiner noch lebenden Mutter Berta (der Urgroßvater war inzwischen verstorben) fuhr er nach Heidenreichstein ins Waldviertel, wo er bei einer Waffenübung der K.u.K. Armee die Müllerstochter Marie Eschelmüller kennengelernt hatte.

1920

Mein Großvater übernimmt die Hofmühle am idyllischen Hofwehrteich, der laut alten Kartenmaterial schon in der Josephinischen Landesaufnahme (1763) vermessen wurde.

Mit ein bisschen Geld, das er vom Notverkauf der Villa in Znaim bekommen hatte, ersetzte er die alten Mühlräder durch eine moderne Francis-Turbine, um damit auch mehr Kraft zum Betrieb der Mühle und der angeschlossenen kleinen Einblattsäge zu haben.

Bis dato gab es nur einige altmodische Gaslaternen. Mit einer Dynamo(Licht)Maschine konnte er auch schon Strom erzeugen, was in der damaligen Zeit, den frühen 20iger Jahren, noch etwas ganz außergewöhnliches war. Da standen die Bürger von Heidenreichstein abends staunend vor einer Glühbirne die außerhalb der Sägemühle die Nacht erhellte. So wollten auch viele andere dieses moderne Licht haben, darum begann mein Großvater Teile des Stadtplatzes von Heidenreichstein mit Elektrizität zu beliefern.

Als hierfür die Wasserkraft des kleinen Romaubaches nicht ausreichte, wurde eine zusätzliche Kraftmaschine (Holz-Gas-Generator) aufgestellt um auch in den Zeiten wo es kein oder nicht genug Wasser gab, elektrischen Strom erzeugen zu können.

1921

Links die 5 Sägewerksarbeiter. In der Mitte die Magd mit dem Hund Stricky. Rechts davon der Müller mit Gehilfen und Lehrling ganz hinten. Rechts Dipl. Ing. Karl Rudda mit seiner ersten Frau Marie rechts vor dem Mühlengebäude.

1922

Der erste Sohn meines Großvaters Karli Rudda kam zur Welt. In dieser Zeit wurde in der Mühle Korn gemahlen, mit der Brettsäge das Holz zu Bretter und Balken geschnitten, im angrenzenden Hofwehrteich Fische gezüchtet und die ersten Fussbodenbretter erzeugt. Viel schwere Handarbeit, karger Lohn und einfaches Leben bestimmten diese Zeit.

In dieser Zeit gab es neben der Mühle auch eine dazugehörige Landwirtschaft mit ein paar Kühen, Schweinen, Hühnern und zwei starken Pferden mit denen im Wald das Holz geschleppt und die Waldbäume dann anschließend zur Sägemühle gebracht wurden. In der Zeit der Weltwirtschaftskrise in den 30iger Jahren des vorigen Jahrhunderts war man froh, dass man mit der vorhandenen Landwirtschaft mit den paar Kühen und Schweinen sich wenigstens halbwegs ernähren konnte.

1924

Das alte Wasserrad wurde durch eine moderne Francisturbine zum Betrieb der Mühle des Elektrizitätswerkes und des ersten modernen Vollgatters ersetzt. Die alten Holzgebäude wurden abgerissen und das Elektrizitätswerk in Stein gemauert.

Zur Zeit befindet sich ein Turbinenmuseum in Vorbereitung. Besichtigungen sind dann ab 5 Personen gegen Voranmeldung möglich.

1934

Mein Großvater war als christlich-sozialer Politiker ein sehr führsorglicher Mann, der eine gemeinnützige Siedlungsgenossenschaft gründete und somit vielen Arbeitslosen und kinderlosen Familien 1934 half Eigenheime zu bauen. So initierte in den 30iger Jahren den Bau von zwei Siedlungen, eine mit 12 Häusern (12 Apostel Siedlung) eine mit 24 Häusern (Pochersiedlung).

In dieser Zeit begann auch ein Mann mit dem Namen Moritz Honig in Heidenreichstein eine große Fabrik mit zwei Färbereien zur Erzeugung und Färbung von Strümpfen zu bauen. Die hatten nicht nur unzählige hunderte Arbeiter sondern kannten auch nichts von Umweltschutz. Mit den extrem giftigen, chemischen Abwässern der Färbereien wurde das Wasser des schönen RUDDA-Hofwehrteiches so verschmutzt, dass keine Fische, nicht einmal ein Wurm, mehr darin leben konnte.

Damit begann der Kampf meines Großvaters gegen diese übermächtig riesige Fabrik trotz all den wirtschaftlichen Problemen für das kleine Sägewerk. So wollten die reichen Fabriksbesitzer in späteren Jahren, jetzt mit dem Namen Patria, im Besitz der großen Bank Kreditanstalt und Bankverein sogar die Schulden meiner Großeltern aufkaufen um den ungebetenen grünen Aufmuckser den Garaus zu machen. Ohne Geld und ohne Zukunft wollte mein Großvater in dieser Zeit sogar nach Südamerika auswandern. Außerdem wurde allen Fabriksarbeitern verboten auch nur irgendetwas vom RUDDA-Sägewerk zu kaufen.

1939

Als Ende der 30er Jahre Österreich von den Deutschen (Nazis) okkupiert (übernommen) wurde, wurde mein Großvater zwangsverpflichtet, mit Hilfe eines von der Wehrmacht bereitgestellten Opel-Blitz Lastwagens wöchentlich Schnittholz für die Munitionskisten zur Hirtenberger Patronenfabrik zu bringen. In dieser Kriegszeit verteilte mein Großvater auch Brot an bedürftige, arme Leute, das im Backofen in der alten Mühle täglich gebacken wurde.

Mein Großvater bekam Kriegsgefangene aus Frankreich und Belgien für die Arbeit im Sägewerk zugeteilt, da die bestehenden Sägewerks-Arbeiter zum Wehrdienst eingezogen wurden. In dieser Zeit ging es den Kriegsgefangenen oft besser als der heimischen Bevölkerung, da diese Lebensmittelrationen extra zugeteilt erhielten. Als sie meinen Großvater für seine Kanzlei einen Kasten aus Holz herstellten, konnten sie diesen sogar mit ihrem Kaffee schön braun färben. Dadurch roch dieses Möbel sogar nach Jahrzehnten immer gut nach Kaffee.

1943

Karl Rudda, der erste Sohn meines Großvaters, stirbt als Funker in der Nähe von Orell in Russland. Seine Mutter Marie, meine Großmutter, stirbt später an gebrochenem Herzen.

1945

Als eines Tages im Jahr 1945 nach Beendigung des 2. Weltkrieges die ersten russischen Soldaten zu uns nach Heidenreichstein ins kleine Sägewerk meines Großvaters kamen um wie so oft üblich alles Brauchbare mitzunehmen ließen sie einen Soldaten zurück der den abgestellten Lastwagen bewachen sollte.

Mein Großvater sprach mit diesem, da er noch russisch aus dem 1. Weltkrieg konnte. Nach längerem Gespräch kam man auch auf die Tätigkeit meines Großvaters und dabei auch auf den kleinen russischen Ort Gorodischte zu sprechen. Dabei stellte sich heraus, dass der Russe eines der vielen Kinder war, denen mein Großvater im 1. Weltkrieg Schokolade gegeben hatte.

So fielen sie sich um den Hals und hatten Tränen in den Augen. Der russische Soldat half meinem Großvater ein Rad vom LKW abzumontieren, dieses unter den Sägespänen zu verstecken und am Vergaser des Motors herumzuschrauben. Als die anderen seiner Soldaten zurückkamen und nichts Brauchbares und den fahruntüchtigen Lastwagen vorfanden, sagten sie „Plochoi“ (= kaputt/schlecht) und verließen unverrichteter Dinge den Hof unseres Sägewerks.

1946

In der Zeit nach dem Krieg hat mein Großvater Holz zum Wiederaufbau nach Wien transportiert. Dabei hat er oft Leute der Umgebung auf dem Schnittholz des LKW´s sitzend mitfahren lassen. Dabei hat er auch eine reifes Mädchen Agnes Rohrbeck, meine Großmutter (Tochter von Webern und Kleinhäusler aus Brandhäuser bei Seifritz, 5km von Heidenreichstein entfernt) kennen und lieben gelernt.

Diese war ein begabtes Mädchen und konnte dadurch als armes Bauernkind kostenlos in Wien studieren und sogar zum Doktor der Philosophie promovieren.

1950

Mein Großvater war maßgeblich als Mitbegründer der Sägerfachschule in Kuchl tätig und investierte in die erste Vollgatter-Sägemaschine Marke Piny & Kay vor dem er sich stolz mit seinen damaligen Sägearbeitern ablichten ließ.

Im selben Jahr heiratete mein Großvater meine Großmutter und mein Onkel Johannes kam zur Welt.

1960

In der späten Nachkriegszeit erfolgte die Holzzustellung in Heidenreichstein mit 1 PS. Unser Rosskutscher Bertl lieferte das Brennholz mit Hilfe von Lisi aus.

1953

Mein Vater Ing. Friedrich Rudda wird geboren. Er war, im Gegenteil zu seinem Bruder Johannes, nicht der Beste in der Schule. Ganz im Gegenteil, er war immer handwerklich begabt und technischen Dingen aufgeschlossen. Nebenbei war er immer aufgeweckt, lustig, ja manchmal sogar ein bisschen schlimm, etwas Vorlaut und trotzdem schüchtern.

Schon als Kind war er oft bei den Sägewerksarbeitern, in der Tischlerei und vor allem bei unserem Herrn Trost (Schlosser, Chauffeur, und Mädchen für Alles), wo er sich die handwerklichen Fähigkeiten, viele Tricks und Tipps, die Liebe zum Holz und was man daraus machen kann, abschaute.

1965

Der 30-jährige Kampf um die Reinhaltung des Hofwehrteiches wird durch einen Vergleich beendet. Meine Großeltern habne zwar nicht gewonnen, aber wenigstens überlebt und die leidige Angelegenheit konnte abgeschlossen werden.

1966

Brand des Sägewerks durch ein überhitztes Transmissionslager.

Mein Vater erzählte mir, dass er gerade im Chemiesaal des Gymnasiums Waidhofen saß, als um 10 Uhr die Feuerwehr aus dem durch die Fenster sichtbaren Feuerwehrdepot ausfuhren. Als mein Vater um 14 Uhr mit dem Postautobus nach Heidenreichstein zurückkam und ihn Freunde abholten, wusste er auch wohin die Feuerwehren fuhren – nach Heidenreichstein zum Rudda-Sägewerksbrand.

Da man die Brandursache nicht richtig feststellen konnte, bekamen die Eltern meines Vaters auch über ein halbes Jahr lang kein Geld von der Versicherung, sodass man das Sägewerk nur halbwegs wieder aufbauen konnte und dabei sogar das halbe, von innen angebrannte, Dach aus Kostengründen beließ.

Dr. Agnes Rudda

In einem Interview mit dem ORF Niederösterreich spricht Dr. Agnes Rudda über Ihr Leben.

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"Ich bin in der untersten Schicht aufgewachsen und habe versucht das Leben zu meistern."
"Mit 10 Jahren komme ich nach Wien und habe natürlich entsetzliches Heimweh."
"Trotz einem Maturazeugnis mit Auszeichnung finde ich keine Anstellung."
"1938 wurde ich vom Arbeitsamt in der Lehrlings-Vermittlung eingestellt."
"Ich habe ein Semester erwischt wo Ausgleichsdienst möglich."
"Im April 1945 habe ich auf dem Deck eines Lastwagens die Flucht aus Wien ergriffen."
"In Heidenreichstein gibt es einen gutherzigen Ingenieur der allen hilft."
"Mein Gatte hatte die Mühle, das Sägewerk und das Elektrizitätswerk."
"Die Holzhandels-Firma wurde von mir gegründet."
"Mein Sohn sagte: "Ich will etwas Besonderes verkaufen.""